
Neulich war ich…
… im Karikaturenmuseum in Krems. Zwischen den grandiosen Arbeiten von Ulli Lust und Oliver Schopf waren es ausgerechnet die Bilder von Axel Scheffler, die mich am stärksten berührt haben.
„Die Maus spazierte im Wald umher.
Der Fuchs sah sie kommen und freute sich sehr.„
Der Grüffelo! Schefflers liebevolle Illustrationen haben mich sofort in eine andere Zeit meines Lebens versetzt – in jene Jahre, in denen meine Tochter und ich am liebsten mit Bilderbüchern auf dem Sofa saßen. Kaum hatte ich die vertrauten Figuren gesehen, waren auch die Verse wieder da. Fast automatisch formten sich die Worte im Kopf, bis hin zu jenem Ausruf, der so wohlige Gänsehaut beschert:
„Es gibt ihn doch, den Grüffelo!“
Ich bin ziemlich sicher, dass viele vorlesende Eltern diese -und andere- Geschichten beinahe auswendig nachsprechen könnten. Wenn ich an die Reime denke, muss ich unwillkürlich lächeln.
Denn Vorlesen ist so viel mehr als die Geschichte selbst. Es ist pure Atmosphäre: die Nähe auf dem Sofa, das Rascheln der Seiten, die vertraute Stimme. Gemeinsam zittern wir mit dem kleinen Mäuschen, hoffen mit der schlauen Eule oder freuen uns, wenn am Ende alles gut ausgeht. Kinder tauchen vollständig in diese Welten ein – und wir Erwachsenen gleich mit.
Was dabei geschieht, ist erstaunlich tiefgreifend. Beim gemeinsamen Lesen entsteht nicht nur Sprachgefühl, sondern auch Empathie. Kinder lernen, sich in andere hineinzuversetzen, Gefühle zu erkennen und Geschichten innerlich mitzuerleben. Studien zeigen, dass beim Vorlesen nicht nur Sprachzentren im Gehirn aktiv werden, sondern auch jene Bereiche, die für Vorstellungskraft und Perspektivenübernahme zuständig sind.
Vielleicht erklärt das, warum Vorlesen für viele von uns eine so warme Erinnerung geblieben ist: Es ist ein Moment geteilter Aufmerksamkeit, in dem zwei Menschen gemeinsam in eine Geschichte eintauchen.
In meinen Schreibworkshops gibt es regelmäßig Leserunden. Wer mag, liest vor, was er oder sie geschrieben hat. Und auch dabei geschieht oft etwas, das mich an diese frühen Vorlese-Momente erinnert.
Schreibende öffnen einen kleinen Teil ihrer Welt. Sie erzählen von Erinnerungen, erfinden Figuren, formen Gedanken zu Gedichten. Und wir anderen hören zu – gebannt, oft bewegt, häufig lächelnd. Für einen Moment entsteht ein Raum, in dem Worte mehr sind als Information. Sie werden zu Begegnung.
Manchmal habe ich das Gefühl, dass in diesen Augenblicken etwas von der Atmosphäre früherer Vorlesestunden zurückkehrt. Vielleicht weil jemand uns eine Geschichte schenkt. Vielleicht weil wir wieder zuhören dürfen, ohne selbst etwas leisten zu müssen. Vielleicht auch, weil wir spüren, wie sehr Geschichten verbinden.
Vorlesen endet nicht mit der Kindheit.
Es verändert nur seine Form.
Und vielleicht ist genau das das eigentliche Geheimnis von Geschichten:
Dass sie Menschen zusammenbringen – damals auf dem Sofa mit einem Bilderbuch, heute in einer Leserunde oder zwischen den Zeilen eines Textes.
Und manchmal reicht ein einziger Satz, um uns wieder dorthin zu führen, wo alles begann:
„Es gibt ihn doch, den Grüffelo!“