Schreiben mit Verantwortung

Sabine Spitzer-Prochazka, MSc

Neulich war ich…

… sehr betroffen.
Und wütend.
Und lange nachdenklich.

Der Jänner ist noch nicht einmal zu Ende, und schon sind wieder Menschen gewaltsam gestorben. Frauen, ermordet von Männern, mit denen sie in Beziehung standen (mit Unschuldsvermutung, natürlich). Allein das ist erschütternd genug. Doch was mich darüber hinaus beschäftigt hat, war die Art und Weise, wie darüber berichtet wurde.

In vielen Medien wurden intime Details ausgebreitet, ungefragt, ungebremst. Es wurden Bilder von den Opfern gezeichnet, gegen die sie sich nicht mehr wehren können. Bilder, die sie in eine Öffentlichkeit zerren, der sie nie zugestimmt hätten – und die sie oft auf etwas reduzieren, das ihrem Leben nicht gerecht wird. Ich frage mich, wie es den Angehörigen geht, die zusehen müssen, wie ihre Liebsten, die sie gerade verloren haben, noch einmal verloren gehen: an Worte, an Zuschreibungen, an Spekulationen. Und fast immer schwingt etwas mit, das ganz besonders verstört: der leise Unterton, sie seien doch wahrscheinlich nicht ganz unschuldig gewesen.

Gleichzeitig richtet sich der Blick auf die mutmaßlichen Täter. Sie bekommen eine Bühne. Sie werden gezeigt, beschrieben, eingeordnet – oft als „ganz normale Männer“. Sie können sprechen, erklären, relativieren. Sie bemühen sich, sich im besten Licht zu zeigen. Einer könne doch keiner Fliege etwas zuleide tun, heißt es. Ein anderer betont, er habe sofort seine Mutter angerufen. Worte, die Nähe herstellen sollen. Worte, die Verständnis wecken. Worte, die beginnen, die Perspektive zu verschieben.

Unterstützt wird das nicht selten von Anwält:innen, die medienwirksam auftreten und bekannte Erzählmuster bedienen: das menschliche Gesicht des Täters zeigen, seine Verletzlichkeit betonen, bis er beinahe selbst zum Opfer wird. Ein Opfer seiner Gefühle. Ein Opfer der Umstände. Ein Opfer – der Frau, die er mutmaßlich getötet hat.

An diesem Punkt wird sichtbar, welche Macht Worte haben. Sie informieren nicht nur. Sie formen Wirklichkeit. Sie lenken Mitgefühl. Sie können schützen – oder zerstören.

Was hier fehlt, ist nicht Information, sondern Haltung und Achtsamkeit. Der bewusste Perspektivenwechsel: Wen trifft das, was ich gerade sage? Wem dient es? Und wem schadet es?

Vielleicht ist das eine der wichtigsten Aufgaben von Sprache – und von Journalismus: nicht nur zu berichten, sondern Verantwortung für die Wirkung der eigenen Worte zu übernehmen. Gerade dort, wo Menschen sich nicht mehr schützen können.

Worte verdienen Sorgfalt.
Und Leser:innen verdienen Perspektiven, die nicht reflexhaft Täter erklären und Opfer entblößen.

Beides halte ich – gerade in Zeiten permanenter Öffentlichkeit – für unverzichtbar.

  • Worte sind wie Messer – man kann damit Nutellabrote schmieren oder sie jemandem in den Rücken stechen.“ York Pijahn, Journalist

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