Neulich war ich…
…in einem Schreibkurs. Nachdem Beate ihren Text vorgelesen hat, wird es still im Raum. Dann setzt Applaus ein, wie ein warmer Windstoß, der durch die Runde geht. Und mittendrin Beate, unversehens im Scheinwerferlicht. Der Rücken rund, die Schultern hochgezogen, den Blick nach unten gerichtet, als müsste sie sich vor dem eigenen Glanz schützen. Während wir noch Gänsehaut haben, scheint sie immer kleiner zu werden.
Diese Szene kenne ich gut. Es gibt in fast jedem Kurs eine Beate. Schreibende, die sich schämen, sobald man sie hört – und wirklich sieht. Menschen, für die der Moment des Vorlesens nicht Befreiung bedeutet, sondern Bedrohung. Sie schicken großartige Sätze in die Welt und möchten sie im nächsten Atemzug zurückholen, als hätten sie etwas Ungebührliches getan. Manche schämen sich für das, was sie am besten können, als wäre Talent eine Zumutung.
Dabei betrifft die Scham selten den Text. Sie betrifft die Person dahinter. Sie sagt: Zeig dich nicht. Nimm dich nicht so wichtig! Es sind alte Stimmen, die da sprechen – Stimmen aus Schulklassen und Kinderzimmern, aus Familien, die manchmal klein machen, ohne es zu merken. Und irgendwann klingen diese Stimmen wie die eigene.
Scham ist mehr als ein oberflächliches Gefühl. Sie ist ein soziales Frühwarnsystem. Wir wollen dazugehören, Teil der Gemeinschaft sein. Angst und Scham erinnern uns daran, wie zerbrechlich Zugehörigkeit sein kann. Und weil Kreativität genau das Gegenteil verlangt – Präsenz, Verletzlichkeit, Eigensinn – gerät sie so leicht mit der Scham in Konflikt.
Viele Schreibblockaden entstehen genau hier: nicht aus Ideenlosigkeit, sondern aus der Scham, die jeden Satz prüft, bevor er entstehen darf. So bleiben Romane ungeschrieben, Texte unvollendet, Gedanken im Kopf gefangen. Nicht, weil sie nicht gut wären, sondern weil sie sich nackt fühlen, noch bevor sie ans Licht kommen.
Gestern im Coaching erzählt mir Beate, dass sie einen Preis für ihre Kurzgeschichte gewonnen hat. Leise setzt sie nach: „Ich weiß gar nicht, ob ich das verdient habe.“ Die alten Stimmen sind beharrlich.
Wir arbeiten nun daran, diesen Erfolg nicht zu fürchten, sondern ihn auszuhalten. Nicht überschwänglich zu feiern, sondern schlicht zuzulassen, dass er wahr ist. Dass der Applaus ihr gilt. Dass Talent kein Vergehen ist. Dass Zugehörigkeit nicht endet, nur weil jemand ein Stück über sich hinauswächst.
Kaum merklich verändert sich Beates Haltung: ein Heben der Schultern, nicht zum Schutz, sondern zur Aufrichtung; ein Atemzug, der tiefer geht; ein Blick, auf Augenhöhe. Ein leises Gewöhnen an die eigene Größe.
Am Ende ist Scham nichts, das man abstreifen kann. Sie bleibt Teil unseres sozialen Navigationssystems. Doch sie gehört dorthin, wo sie schützt, nicht dorthin, wo sie lähmt. Sichtbar zu werden ist kein Gegenmittel – es ist ein Auslöser. Erst danach beginnt die eigentliche Arbeit: zu verstehen, welche Stimmen sprechen, welche Gefühle unter der Scham liegen und worauf sie uns aufmerksam machen wollen. Scham verschwindet nicht, indem wir über sie hinweggehen – sondern indem wir sie entschlüsseln. Und genau dort kann der kreative Weg beginnen: wenn wir die Scham nicht mehr fürchten, sondern verstehen – dann können wir mit all unseren Talenten aus dem Schatten treten und für einen Moment im Scheinwerferlicht bleiben.